Parasiten?

Heute morgen bekam Daniel wieder, wie gestern, Blut abgenommen, weil der Professor das angeordnet hat. Die Stationsärztin meinte, dass der Prof vermutet, dass Daniel einen Parasiten haben könnte.

Ich hab mich schon lange nicht mehr so gefreut sowas zu hören. Eine Vermutung! Eine mögliche Diagnose! Und dann auch noch ein Parasit! Die kann man ja meistens behandeln. Wundervoll!

Aber es kam, wie es kommen musste - die Stationsärztin hatte sich wohl geirrt. Es ging nicht um einen Parasiten sondern um eine Enzymstörung. Es ist möglich, dass Daniel sowas hat, hat uns der Prof erklärt. Nunja - schauen wir mal.

Nach dem Blutabnehmen um acht Uhr sind wir Frühstücken gegangen. Als wir uns Essen geholt hatten, schaute Daniel verwirrt durch die Gegend. Ich fragte ihn, was er denn habe. "Meine restlichen Finger an der linken Hand werden taub.", sagte er, starrte in die Ferne und knetete seine Hand.
Ich beruhigte ihn und sagte, dass es vielleicht daran läge, dass sein Blutdruck soweit unten sei weil er nüchtern zur Blutabnahme kommen musste und so. Er aß erstmal was und bald wurde es etwas besser - doch dann wieder schlimmer.
"Das mit den anderen Fingern hat auch so angefangen.", sagte er immernoch abwesend als wir langsam auf dem Weg zu unserem Zimmer waren. Den Rollator schob er nur mit der Rechten.

Irgendwann kam der Prof und schaute sich an, was Daniel da hatte. Er sagte, da könnte man jetzt auch nichts machen, denn Daniel bekäme ja schon Immunsupressiva (Endoxan, Chemotherapie) und Kortison.
Nachdem der Arzt weg war, wurden auch die Beschwerden besser. Die Finger kamen wieder zu sich. Daniel hat einfach so große Angst.

Ich stehe immer wieder daneben und weiß nicht, was ich machen soll - geschweige denn, was ich sagen soll.
Ich soll nicht sagen "Mach dir keine Sorgen." oder "Wird schon wieder." oder ähnliches. Kann ich ja verstehen. Aber was zum henker soll ich denn sagen??

Ich soll alles verstehen und geduldig sein, ich soll freundlich sein und optimistisch - aber nicht zu optimistisch, sonst steckt das noch an und Daniel erwartet zu viel und wird dann wieder enttäuscht. Ich soll Hoffnung haben und verstehen, dass er keine Hoffnung hat, ich soll ihn trösten aber nicht verhätscheln, ich soll ihn lieben - aber nicht zu viel von ihm erwarten. Ich soll ihm sagen, was ich denke, aber ihn dabei nicht verletzen oder ihn zu etwas drängen, was er noch nicht kann, ich soll hoffen, dass alles wieder gut wird - aber ich soll nicht zu viele Erwartungen an ihn haben.

Puh. Wie geht das?

Heute haben wir zusammen geduscht.
Hehe, nein, keine sonderlich großen sexuellen aktivitäten. Sex im stehen, wenn man nicht stehen kann ist nicht so gut möglich.
Wie dem auch sei - Daniel hat sich die Haare gewaschen, spülte sich den Schaum aus den Haaren und ich erscharak: er hatte bestimmt 10-20 lange Haare auf dem nassen Gesicht kleben.
Er hat immer etwas Haarausfall - aber bis jetzt sind ihm nie die Kopfhaare ausgefallen. Ich tat das ab. Passiert ja mal.

Später lag er auf dem Bett, ich auch. Er lag auf meinem Arm. Ich schaute mir meinen Pullover an - alles voll mit Haaren. Auch auf dem Kissen lagen viele Haare.

Die Chemo fängt an zu wirken. Hoffen wir, dass sie auch an den richtigen Stellen wirkt.

Ich bin gespannt, wie Daniel ohne Haare aussieht. Er will einen Hut aufsetzen. Darauf freu ich mich irgendwie. Ist mal was neues - so blöd es klingt.

8.4.08 10:32

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