Die Nacht und co

Gestern von 14:30 bis 17:00 war ich in einem kleinen Dorf hier in der Nähe.
Es fährt in der Woche täglich um 1430 ein Shuttle dorthin und um 1700 wird man dort wieder abgeholt. 2,5 Stunden in einem Dorf, dass man innerhalb von 25 Minuten durchlaufen und umkreist hat.
Ich fuhr mit zwei Damen dorthin und wir blieben dann auch zusammen. Wir gingen erst Geld holen, dann ein paar BHs kaufen für die Eine, dann zu zwei Einkaufsläden um ein bisschen Waschmittel, Obst, Gemüse, Zigaretten und Süßigkeiten zu kaufen.
Da wir damit nach einer dreiviertel Stunde fertig waren, gingen wir dann in ein Café. Ein nettes, süßes Café welches sehr guten Kuchen und tatsächlich auch einigermaßen schmackhaften Kaffee verkauft.

Um 17:10 kam ich wieder an der Klinik an. Erfrischt von der netten Unterhaltung, von der frischen Luft und vom Einkaufen kam ich auf unserer Station an - und traf sofort Daniel am Schwesternzimmer.

Seine Hand sei schlimmer taub geworden.

Ich war guten Mutes, über dieses Problem hatten wir schon am Morgen mit dem Prof und der Stationsärztin gesprochen - aber nein, Daniel hatte Angst. Es schien mir, als würde er sich einzig und allein auf seine taube Hand konzentrieren.

Wie dem auch sei, wir sprachen gestern abend noch zwei mal mit der Stationsärztin und noch einmal mit dem Prof, der eigentlich schon Feierabend hatte. Beide beruhigten Daniel, vorallem der Prof und sagten ihm, dass sie so oder so nichts machen könnten.
Immunsupressiva bekäme er schon - anderes kann man nicht tun.

Es kam mir vor, als höre Daniel garnicht, was ihm gesagt wurde. Er hatte einfach nur Angst und hörte auch nur die Angst. Mehr nicht. Alles was ich sagte beantwortete er nur mit einem abfälligen grunzen oder mit einem verzweifelten seufzen.

Einerseits kann ich ihn voll verstehen.
Bevor sein rechter Fuß taub geworden ist, war es genau so. Der Fuß war etwas taub, dann begann er höllisch zu schmerzen - und jetzt ist der Nerv messbar geschädigt und man weiß nicht, ob der wieder komplett heilt.
Daniel hat angst, dass er seine linke Hand nun auch noch an die Welt der Taubheit und Lähmung abgeben muss. Das wäre schrecklich.
Trotzdem ist es schwer zu sagen, ob dies wirklich wieder ein Nerveninfarkt ist oder die Angst.
Durch Angst passieren so einige Dinge.

Gestern Abend gingen wir früh ins Bett. So gegen 22uhr machten wir den Fernseher aus und Daniel schlief ohne Schlafmittel ein.
Irgendwann wachte er auf und wurde immer unruhiger. Ich wollte nichts sagen und nichts fragen, ich wusste nicht mehr wohin. Meine Magenschmerzen, die ich hier in den letzten Tagen nicht mehr hatte, kamen wieder. Ich hatte keine Lust mehr.

um viertel nach drei in der Nacht ging das Licht an. Ich war wach. Daniel stöhnte neben mir, sagte, dass er Schmerzen habe und klingelte den Knopf, der die Schwester rufen sollte.
Nach ein paar Minuten kam ein Pfleger. Daniel schilderte ihm die Lage, der Pfleger schaute, was er tun sollte, kam mit Schmerzmitteln wieder, Daniel wollte die Ärztin sprechen.
Die Ärztin sagte ihm dass sie nichts machen könne, da der Prof für ihn zuständig sei und sie nicht einfach Kortison geben kann, da der Prof gesagt hat, dass das nicht nötig sei.
Irgendwann nahm Daniel dann doch die Schmerzmittel und pflanzliche Schlafmittel, welches beides gut zu wirken schien.
Er schlief bald wieder wie ein Baby.

Heute morgen wachten wir um viertel vor sieben auf, hatten den Wecker um sechs überhört.
Halb so wild.
Daniel hatte noch mehr Schmerzen im Arm als vorher und die linke Hand war nun endgültig taub.

Er versuchte sich zu waschen, zu rasieren und anzuziehen - und es gelang ihm halbwegs.
Ich versuchte so wenig wie möglich zu sagen.

Alles was ich im Moment von mir geben kann, ihm gegenüber, ist meine Meinung und meine Gedanken. Daniel ist so schrecklich depressiv und negativ eingestellt. Er hat Angst.
Das ist natürlich ganz natürlich - aber es ist so anstrengend. Es hilft ja auch ihm nicht, wenn er die ganze Zeit dasitzt und sagt "OOOOOOh, wie soll das noch alles werden! Oh, ich bin so schlimm dran! Oh, das hat doch alles keinen Sinn! Oh, es wird nie wieder gut! Oh, mir geht es am schlechtesten auf dieser Welt!"

Es ist nur natürlich, dass jemand diese Gedanken hat, wenn er krank ist - aber es ist auch natürlich, dass man irgendwann wieder beginnt zu hoffen, oder nicht? Zumindest, dass man zwischendurch mal Hoffnung hat. Ich will Daniel keine Vorwürfe machen - aber er macht mir Vorwürfe am laufenden Band.
Wenn ich sage: "Daniel, ich weiß, alles ist scheiße und schrecklich - aber du schaffst das, du bist stark, ich versuche dich zu unterstützen, wo ich kann.." oder wenn ich ihm sage, dass ich seine Angst verstehe, er aber eigentlich keine haben braucht, weil er ja hier in einer guten Klinik ist und solche Dinge, dann schaut er mich an und fragt mich, wie ich so optimistisch sein kann. Er sagt auch, dass das wohl an der hohen Intelligenz liegen muss, dass er keinen Optimismus mehr hat.
Was soll man dazu sagen?
Bin ich optimistisch? Nein. Aber ich versuche es mir einzureden genau wie ihm, weil ich weiß, dass es mit Pessimismus auch nicht weiter geht.

Ich sagte dazu nicht viel.
Ich halte einfach meinen Mund.
Ich strenge mich heute an, einfach nichts zu sagen sondern nur nett zu sein.

9.4.08 10:15

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


shekaina / Website (9.4.08 21:43)
ich habe dich gelesen, alles.
ich kann euch beide verstehen- jedoch denke ich, dass daniel dringend auch hilfe von einem psychologen braucht, ebenso vielleicht axiolytika (psychopharmaka gegen ängste) bzw. ein antidepressiva und für die zeit, in der es ganz akut ist, sicher auch ein beruhigungsmittel.
ich würde und kann dir als freundin nur raten, dass du schaust, dass er da in der klinik beschäftigungstherapie bekommt, ergo und auch gespräche mit einem therapeuten plus medikamente für seine stimmung,
denn so kann er auch gar nicht gesund werden. er steckt da zu tief drin.
viel kraft euch beiden.

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